Der Winter erreicht die Front: Russland zerschlägt das ukrainische Stromnetz, während Berlin Hilfe verspricht
Russland setzte seine nahezu täglichen Angriffe auf die Energieanlagen der Ukraine fort, während die Temperaturen sanken, und traf am Mittwoch zwei Kraftwerke in den Regionen Kyjiw und Schytomyr, teilte das russische Verteidigungsministerium auf Telegram mit, wie Reuters berichtete. Die Angriffe, die auch ein Frachtschiff auf See nahe Odessa ins Visier nahmen, folgten auf die Bombardierungen vom Dienstag mit Raketen und Drohnen, die weite Teile der Ukraine stromlos machten, eine Woche bevor die von den USA vermittelten Friedensgespräche wiederaufgenommen werden sollten. Anderswo in der Ukraine traf Russland die Regionen Poltawa, Dnipro, Kirowohrad und Riwne sowie die Hauptstadt Kyjiw, teilten der ukrainische Katastrophenschutz und lokale Beamte mit. In der Nacht vom 3. auf den 4. November beschädigten russische Drohnen eine Energieanlage in der Region Ternopil, und ein russischer Angriff auf ein Unternehmen in Dnipro verletzte zwei Männer, wie aus ukrainischer Berichterstattung hervorgeht, die im täglichen OSNT-Brief zusammengefasst wurde. Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte am Dienstagabend, russische Angriffe an diesem Tag hätten Energieanlagen in Kyjiw und fünf Regionen beschädigt — Winnyzja, Dnipropetrowsk, Schytomyr, Wolyn und Tscherkassy — und appellierte an die Partner, der Ukraine zu helfen, den Winter zu überstehen.
Der Beschuss vom Dienstag war einer der größten des Herbstes. Die ukrainische Luftwaffe teilte mit, Russland habe 289 Drohnen, 17 ballistische Raketen und 59 Marschflugkörper gestartet, wobei Angriffe an 23 Orten verzeichnet wurden, wie aus Berichten der Kyiv Post hervorgeht, die von OSNT zusammengefasst wurden; die Luftabwehr schoss 257 der Drohnen und 49 der Marschflugkörper ab. Energieminister Denys Schmyhal sagte, Russland habe drei Drohnen auf ein Umspannwerk gerichtet, das für den stabilen Betrieb des Kernkraftwerks Chmelnyzkyj entscheidend sei, und dass Kyjiw die Internationale Atomenergiebehörde alarmiert habe. Die Kyiv Independent berichtete, russische Angriffe in der ganzen Ukraine hätten am Dienstag 38 Menschen getötet und 158 verletzt, darunter ein Raketenangriff auf Krankenhäuser in Dnipro, bei dem ein Hospiz getroffen wurde. Eine russische Drohne tötete außerdem einen 14-Jährigen im Dorf Chotiw in der Region Kyjiw, sagte der Leiter der regionalen Militärverwaltung von Kyjiw, als sie ein Privathaus traf, das vollständig niederbrannte, und einen Elternteil des Kindes verletzte. Russland äußert sich nicht zu Berichten über zivile Opfer, und beide Seiten bestreiten, absichtlich Zivilisten ins Visier zu nehmen, in einem Krieg, der mit Russlands Invasion im Jahr 2022 begann.
Auch die Opferzahl eines früheren Angriffs stieg. Die Zahl der Getöteten bei den russischen Angriffen vom 2. November auf eine Schule, die als humanitäre Hilfsgüter-Verteilstelle in Komyschuwacha in der Region Saporischschja genutzt wurde, stieg auf 33, sagte Selenskyj, wie The Guardian berichtete — gegenüber 26 in seinen ersten Äußerungen am Montag. Lettland beantragte eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates wegen russischer Angriffe auf ukrainische Zivilisten, darunter der Angriff auf Komyschuwacha, wie Censor.net berichtete. Die Zahlen blieben vorläufig, während die Bergungsarbeiten andauerten, und Russland hatte sich in der geprüften Berichterstattung nicht öffentlich zu dem Angriff geäußert. Der Angriff auf ein Gebäude, in dem sich die Anwohner jeden Montag für Lebensmittel und Vorräte versammelten, und die Angriffe auf Krankenhäuser und Energieinfrastruktur in den folgenden Tagen beschreiben einen Krieg, in dem die zivile Infrastruktur weiterhin die direkten Auswirkungen der Kämpfe trägt, während sich Diplomaten auf ein Treffen vorbereiten.
Vor diesem Hintergrund machte Selenskyj am Dienstag einen Überraschungsbesuch in Berlin, wo er von Bundeskanzler Friedrich Merz mit militärischen Ehren im Kanzleramt empfangen wurde. Merz versprach mehr Hilfe und Unterstützung bei der Energieversorgung für die Ukraine im Winter, berichtete Reuters, und sagte, Russland riskiere durch Angriffe im Schwarzen Meer eine weitere Eskalation und eine weltweite Nahrungsmittelkrise. „Durch seine Angriffe im Schwarzen Meer riskiert Russland eine weitere Eskalation“, sagte Merz. „Russland löst eine weltweite Nahrungsmittelkrise aus, zum Nachteil der ärmsten Nationen und Länder der Welt.“ Deutschland bereitet ein zusätzliches Winterhilfspaket von 200 Millionen Euro vor, wie Politico berichtete, mit 100 Millionen Euro aus dem Haushalt des Auswärtigen Amtes und 100 Millionen Euro aus Entwicklungsmitteln, vorbehaltlich der Genehmigung durch den Haushaltsausschuss des Bundestages, der den Antrag voraussichtlich in der folgenden Woche prüfen sollte. Selenskyj sagte vor Journalisten in Berlin, die Ukraine habe einen schweren Mangel an Luftabwehr und brauche dringend zusätzliche Patriot-Abfangraketen — PAC-2 und PAC-3 — sowie IRIS-T-Raketen, um russischen Angriffen mit ballistischen Raketen entgegenzuwirken. Merz sagte, er habe kein Anzeichen dafür gesehen, dass Russland ernsthaft über einen Waffenstillstand verhandeln wolle.
Die Diplomatie verlagert sich nun nach Brüssel und dann nach Abu Dhabi. Selenskyj sagte, Verhandlungen auf Teamebene unter Beteiligung Amerikas, der NATO, Europas und der Ukraine würden am Mittwoch, dem 4. November, in Brüssel stattfinden, in Vorbereitung auf trilaterale Gespräche zwischen Russland, der Ukraine und den Vereinigten Staaten, die für den 10.–11. November in Abu Dhabi angesetzt sind, wie Meduza berichtete und wie der US-Sondergesandte Steve Witkoff ankündigte. Merz lud etwa 30 bis 35 Staaten zu einem Treffen der sogenannten Koalition der Willigen am 19. November in Berlin ein, um weitere Hilfe zu koordinieren, die Luftabwehr zu stärken und die Energieversorgung zu stabilisieren. Die US-Luftwaffe sucht unterdessen Auftragnehmer für die Massenproduktion von mehr als 1.000 Marschflugkörpern vom Typ Extended Range Attack Munition für die Ukraine, wie Defense News berichtete. Ob all dies zu einer Einigung führt, bleibt offen: Kyjiw und seine europäischen Verbündeten befürchten, dass Washington sich zunehmend auf die Seite Moskaus gestellt hat, Selenskyj hat darauf bestanden, dass jede Einigung eine fähige ukrainische Armee erhalten und durchsetzbare Sicherheitsgarantien unter Beteiligung europäischer Partner bieten müsse, und Russlands Haltung zu den Gesprächen in Abu Dhabi würde nach Angaben eines Kreml-Beraters vom vergangenen Monat zum Teil davon abhängen, ob die Ukraine am Tag der Nationalen Einheit, der am 4. November begangen wird, einen groß angelegten Angriff auf Russland starten würde. Für Ukrainer, die einem Winter mit Stromausfällen entgegensehen, ist die Frage dringlicher als der Kalender der Gespräche: ob der Strom anbleibt.
